
Im Gegensatz zu den damaligen Zielen der Rehabilitation, die auf Kompensationen ausgerichtet waren (damit die betroffene Person mit den weniger betroffenen Körperteilen «kompensieren» konnte), ging die Hypothese der Bobaths davon aus, dass das zentrale Nervensystem das Potenzial besitzt, sich als Antwort auf Erfahrungen zu verändern, was zu einer Funktionsverbesserung führt. Das Konzept der «Plastizität» gewann somit im Rahmen dieses Ansatzes seine volle Bedeutung. Diese Hypothese wurde in Bobaths Artikel aus den 1960er Jahren veröffentlicht: (1) The very early treatment of cerebral palsy, DMCN 1967.
Das Bobath-Konzept ist ein Therapieansatz, der auf einer ganzheitlichen Betrachtung des Kindes in seinem familiären und sozialen Umfeld basiert.
Der Ansatz geht von dem aus, was das Kind kann und gerne tut, und analysiert, wie es dies tut. Dabei stützt er sich auf fundierte Kenntnisse über typische und atypische Entwicklungsverläufe, um zu verstehen, was das Kind nicht kann.
Die Intervention zielt darauf ab, das Kind bei der Entdeckung und Integration der effizientesten Bewegungsstrategien im Rahmen seiner Alltagsaktivitäten zu begleiten.
Diese Vorgehensweise erfordert eine enge Zusammenarbeit mit den Eltern sowie mit den Bezugspersonen der verschiedenen Lebensbereichen des Kindes: Schule, soziales Umfeld.
Die transdisziplinäre Herangehensweise und die gemeinsame Sichtweise, die sie bietet, sind ein wesentlicher Wert des Konzepts. Aus diesem Grund richteten sich die Ausbildungen, bereits seit ihrer Einführung durch die Bobaths, gemeinsam an Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden und Ärzte.
Das Konzept hat sich zu Lebzeiten des Ehepaars Bobath stark weiterentwickelt und entwickelt sich seitdem kontinuierlich weiter.
Herr und Frau Bobath wurden eingeladen, weltweit Kurse und Vorträge zu halten. In den USA führten sie den Begriff «Neurodevelopmental Treatment» (NDT) ein. Sie verfassten zahlreiche Artikel und Bücher und erhielten viele nationale und internationale Auszeichnungen.
In der Schweiz waren Dr. Elsbeth Köng und die Physiotherapeutin undSenior Tutorin Mary Quinton Pionierinnen in der Frühförderung bei Säuglingen, wodurch die früh- und vor allem rechtzeitige Behandlung von Säuglingen einengrossen Schritt nach vorne machte.
Die klinische Herangehensweise, die das Bobath-Konzept auszeichnet, zielt darauf ab, die aktuelle Situation des Kindes und deren mögliche zukünftige Auswirkungen, auch im Erwachsenenalter, zu verstehen. Es stellt eine Verbindung zwischen den verschiedenen Aspekten der kindlichen Entwicklung – mit ihren motorischen, sensorischen, wahrnehmungsbezogenen, kognitiven, emotionalen und verhaltensbezogenen Auswirkungen – und dem Einfluss des Lebenskontexts des Kindes her.
Diese Denkweise, die im Laufe der Ausbildung vertieft wird, erfordert die Entwicklung einer grundlegenden Kompetenz bei den Therapeuten, nämlich einer vorausschauenden und auf die individuellen Bedürfnisse jedes Kindes in seinem Umfeld zugeschnittenen Vorgehensweise.
Die Ausbildung vermittelt zudem praktische Werkzeuge und Hilfestellungsmöglichkeiten (zur Gestaltung der Aktivitäten, der Umgebung und manuelle Techniken), dere Auswahl und Anpassung vielfältig und kreativ gestaltet werden können – stets entsprechend den Bedürfnissen des Kindes bzw. der Familie und auf der Grundlage des klinischen Reasonings. Frau Bobath pflegte zu sagen, dass derjenige, der uns die wahre Antwort auf unsere therapeutischen Entscheidungen, unsere zwischenmenschlichen Fähigkeiten und unsere manuellen Fertigkeiten geben wird, direkt vor uns steht - und dieser Jemand ist das Kind.
Die Bobaths beschrieben ihren Ansatz als ein dynamisches und kein statisches Konzept, das darauf abzielt, neue Erkenntnisse, Fortschritte in den Neurowissenschaften und neue gesellschaftliche Perspektiven zu berücksichtigen, wie beispielsweise die Schaffung der ICF und anschliessend der ICF fürJugendliche (ICF-CY) – der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit (2) – und damit den Übergang von einem biomedizinischen Ansatz zu einem biopsychosozialen Konzept markiert, das einen gemeinsamen Rahmen bietet, der die Kommunikation erleichtert.
Margaret Mayston, Gillian Saloojee und Sarah Foley weisen in ihrem Artikel über die Schaffung eines Rahmens für das klinische Bobath-Denken, BCRF2024 (3), auf eine Herausforderung für die aktuelle Bobath-Praxis hin.Tatsächlich entspricht das Bobath-Konzept keinem linearen Denkansatz und wird nicht wie eine Methode angewendet. Es führt zu einer Vielfalt an Praktiken, was die wissenschaftliche Forschung erheblich erschwert. Die Arbeit des BCRF zielt darauf ab, die ganzheitliche Sichtweise nach Bobath anhand eines systemwissenschaftlichen Modells zu erläutern, um der Komplexität neurodevelopmentaler Störungen, darunter die Zerebralparese, gerecht zu werden.
Die EBTA (European Bobath Tutor Association) (4) umfasst 17 Länder, 200 Bobath-LehrtherapeutInnen und rund 4500 Bobath-TherapeutInnen in ganz Europa.
Das Markenzeichen der EBTA garantiert weltweit ein Qualitätssiegel.
Die Nationale Organisation der Bobath-LehrtherapeutInnen (NTO) Schweiz beteiligt sich aktiv am internationalen Austausch im Rahmen der EBTA (regelmässige Treffen mit den anderen nationalen Organisationen der LehtherapeutInnen, Überlegungen zum Konzept und allfällige Entscheidungsfindungen des Verbandes).
In der Schweiz werden die Ausbildungen zur Intervention nach dem Bobath-Konzept von der SAKENT – ASEND gemäss den Standards der EBTA organisiert. Sie ermöglichen es, sich weiterzuentwickeln, vom innovativen Erbe von Bobath und aktuellen Erkenntnissen zu profitieren und die notwendigen Grundlagen zu erwerben, die Fachleuten in der Schweiz ermöglichen, ihr klinisches Denken und ihre therapeutischen Instrumente zum Wohle des Kindes und seiner Familie zu vertiefen.
Quellenangaben :
(1) Bobath Berta. The very early treatment of cerebral palsy vol 9.N°4 August 1967 DM&CN)
(3) Mayston MJ, Saloojee GM,Foley SE. TheBobath Clinical Reasoning Framework: A systems science approach to thecomplexity of neurodevelopmental conditions, including cerebral palsyDev Med Child Neurol. 2024;00:1–9.https://doi.org/10.1111/dmcn.15866
(4) https://www.bobathtutors.com