Eva Stephan
Schule für Kinder und Jugendliche mit Körper- und Mehrfachbehinderungen, Zürich
Logopädin MAS NDT
Wie können Kinder ohne Lautsprache etwas erzählen? Und wie können wir die Entwicklung ihrer Erzählfähigkeit unterstützen?
„Wisst ihr was? Heute bin ich mit dem Zug zur Arbeit gefahren. Ich bin pünktlich angekommen.“ Langweilige Geschichte? Ja – zumindest, wenn wir von der SBB sprechen. Denn normalerweise erzählen wir von dem, was nicht alltäglich ist, was die Routine durchbricht. Labov und Waletzky beschrieben das Konzept der „Telliability“: Eine Geschichte braucht ein aussergewöhnliches, spannendes oder bewertbares Ereignis, um erzählwürdig zu sein.1 In meiner Geschichte wäre so ein Element beispielsweise etwas wie: „… und stell dir vor, da habe ich unsere ehemalige Kollegin getroffen!“
Nutzer*innen von unterstützter Kommunikation kommen oft mit sorgfältig kuratierten Erzählungen auf ihrer Niki Diary App. Häufig zeigen die Bilder, Videos und mitunter ausführlichen Aufnahmen von Bezugspersonen eher alltägliche Bastelarbeiten oder das, was eben die Bezugsperson wichtig fand. Am Anfang im Prozess kann es eine Phase sein, mit solchen vorgeschlagenen Einträgen überhaupt zu entdecken, dass das Kommunikationsgerät eine Information transportieren kann. Erzählen ist es aber noch nicht.
Erzählen ist eine komplexe sprachliche Handlung. Die erzählende Person muss die Ereignisse strukturiert und in einer nachvollziehbaren Abfolge wiedergeben.2 In der frühen Entwicklung der Erzählfähigkeit können Kinder die Ereignisse noch nicht strukturieren oder dem Wissenstand ihres Gegenübers anpassen. Sie erzählen dann beispielsweise: „Ich bin mit Reto an den Flughafen gegangen“ und man fragt sich, wer wohl Reto ist. Kinder lernen aber, ihre Erzählungen allmählich besser zu strukturieren, wenn sie in vielfältigen, alltagsintegrierten Kontexten Erzählsituationen erleben.2 Wenn das Gegenüber fragt: „Wer ist Reto? Ist das dein Götti?“, lernt das Kind, dass es Hintergrundinformationen geben muss. Wenn das Gegenüber fragt: „Wann bist du an den Flughafen gegangen, am Wochenende?“ lernt das Kind, dass es Orientierung geben muss.
Diese Ko-Konstruktion, bei der das Kind in der Interaktion lernt, was zu einer Erzählung gehört, findet nicht statt, wenn die Bezugsperson einfach ein Video macht. Laut Drick (2016) gibt es Hinweise, dass Kinder eher die Erzählinitiative ergreifen, wenn Bezugspersonen auch oft von eigenen Erlebnissen erzählen.2 Die Erzählung der Bezugsperson sollte in der Modalität angeboten, in der auch das Kind kommuniziert. Ich modelliere mit der Kommunikationsapp, wie man vom schönen Wochenende am Flughafen erzählen könnte, oder wo man den Götti in der App findet.
Erzählen ist identitätsbildend und fördert den sozialen Zusammenhalt.1, 3 Wenn ich sagen kann, was ich mag oder nicht mag, und wir herausfinden, dass wir das Gleiche nicht mögen, ist das verbindend. Oft äussern Eltern von unterstützt kommunizierenden Kindern Sorge darüber, dass ihr Kind ihnen nicht erzählen könnte, wenn etwas Schlimmes passieren würde. Deswegen sollten wir nicht nur die schönen Bastelarbeiten zeigen, sondern das Kind fragen, was es erzählen will, was heute besonders schön oder besonders doof war. Dies kann man beispielsweise mit Hilfe eines Plauderplans auch bei Nutzern von basalen Kommunikationsgeräten wie Tastern fördern.4 Letztendlich ist es ein Schutz vor Grenzverletzungen für ein Kind, wenn es ihm gelingt, von etwas zu erzählen, was das Gegenüber nicht schon weiss.
Wir dürfen Spass haben beim Erzählen, das Bedeutsame einer Therapieeinheit herauspicken oder das Kind fragen, was es erzählen möchte. Wir können nicht gleich die ganze Geschichte erzählen und schauen, ob das Kind nachfragt, so wie wir nachfragen müssen, wenn das Kind uns mit einer einzigen Gebärde etwas von Mama erzählen will. „Wisst ihr was? Erzählen macht Spass! Was werdet ihr erzählen?“
Quellenangaben