Petra Marsico
Postdoktorandin & Physiotherapeutin, Kinder-Reha Schweiz & Gründerin foxstudy
Wenn du dich in der Schweizer Medizin und Therapie bewegst, bist du umgeben von Perfektion. Wir diskutieren über millimetergenaue Versorgungen, individuelle Stehtrainer, massgeschneiderte Orthesen und akribisch dokumentierte Behandlungsziele. Doch Ende April wurde mein therapeutisches Denken einmal komplett auf den Kopf gestellt. Gemeinsam mit meinem Kollegen Rob Labruère durfte ich mit foxstudy zwei Wochen in Addis Abeba verbringen. Unser Auftrag für die Schweizer Vereinigung Addis Guzo: eine Bestandsaufnahme der pädiatrischen Physiotherapie vor Ort zu machen, um die lokalen Kolleg:innen beim Aufbau eines nachhaltigen Ausbildungskonzepts für die neuropädiatrische Physiotherapie zu unterstützen. Ein Konzept, das die lokalen Ressourcen und den Stand der Grundausbildung wirklich berücksichtigt, statt einfach ein westliches Curriculum überzustülpen.
Der Kontrast, in diese Welt einzutauchen, war bewegend und eindrücklich. Wir begegneten Familien, Eltern und Geschwistern, die unter äusserst schwierigen und von Armut geprägten Bedingungen leben und buchstäblich alles für ihre Kinder geben. Dennoch fehlt es ihnen oft an grundlegenden Informationen über die Erkrankung oder Beeinträchtigung ihres Kindes sowie an den einfachsten Lebensgrundlagen wie angemessenem Wohnraum, Transportmöglichkeiten, ausreichender Ernährung oder einer gesicherten Einkommensquelle. Aktuelle qualitative Studien aus Äthiopien spiegeln diese harte Realität wider: Sie beschreiben die enorme physische Last der Mütter, die ihre Kinder mangels Hilfsmitteln kilometerweit tragen müssen, und die soziale Isolation, die eine Behinderung in der dortigen Gesellschaft noch immer mit sich bringt.1 Wenn die Wohnsituation eine Hütte von gerade einmal zwei Quadratmetern ist, bleibt schlicht kein Platz für ein grosses Hilfsmittel. Oder wenn ein Rollstuhl nicht einmal durch die Tür des kleinen, traditionellen Hauses passt, kann er höchstens als Sitzstuhl drinnen genutzt werden. Natürlich ist ein angepasster Kinderrollstuhl hier keine Selbstverständlichkeit. Möglich ist dies dank dem Zentrum von Addis Guzo in Addis Abeba: Es werden in der Schweiz ausgemusterte Rollstühle des Vereins rollaid wieder bereitgestellt und vor Ort in der eigenen Werkstatt von den Fachpersonen individuell an die Kinder angepasst.
Inmitten dieser Herausforderungen triffst du auf Menschen mit einer starken Vision, viel Innovation und vor allem Ausdauer und Beharrlichkeit. Eine dieser Persönlichkeiten ist Sister Senkenesh Gebre-Mariam. Sie führt in Addis Abeba eine Schule für Kinder mit und ohne Beeinträchtigung, die zum Medhen Orphan Relief Effort (M.O.R.E.) gehört, eine Schule, wie wir sie hier nicht erwartet hätten. Aktuelle Bildungsstudien aus Addis Abeba betonen, wie grosses Potenzial in solchen gemeinsamen, inklusiven Klassen steckt, um soziale Teilhabe und das Recht auf Lernen von Geburt an zu sichern.2 Gleichzeitig ist Addis Guzo die erste und oft einzige Anlaufstelle für diese Familien mit Kindern mit einer Behinderung in dieser Zehn-Millionen-Stadt. Für Eltern, die über keine oder minimale finanzielle Ressourcen verfügen, bietet die Organisation kostenlose Abklärungen, Beurteilungen und die Teilnahme an einem Gruppentherapie-Programm an. Dieses Programm ist weit mehr als nur körperliche Aktivität: Die Wissenschaft bestätigt, dass solche Community-Programme die Isolation der Eltern durchbrechen.3 Es ist für die Mütter und Väter oft die allererste Möglichkeit, überhaupt auf eine neue, stärkende Art mit ihrem Kind in Kontakt zu treten und Hoffnung zu schöpfen.
Getragen wird diese Arbeit von lokalen Therapeut:innen mit unglaublich viel Herz. Sie sind weit mehr als „nur“ Physiotherapeutinnen. Sie übernehmen selbstverständlich Aufgaben, die weit ausserhalb unseres klassischen Berufsbildes liegen; sie unterstützen die Familien bei all ihren Anliegen rund um ihr Kind mit Behinderung. Dabei ist dies keineswegs selbstverständlich. In anderen Arbeitsbereichen der Physiotherapie hätten die jungen Therapeut:innen weitaus bessere Möglichkeiten, ihre eigene Karriere voranzutreiben. Die Akademisierung findet auch hier rasant statt und viele Kolleg:innen ziehen einen Schreibtischplatz an der Universität der praktischen Arbeit mit den Kindern vor.4
Dies hat auch mich tief zum Reflektieren bewogen. Ich habe selbst einen akademischen Weg eingeschlagen und arbeite aktuell in einem kleineren Pensum praktisch mit den Kindern und Familien. Wenn ich diesen jungen Therapeut:innen erzähle, dass ich bereits seit über 20 Jahren als Physiotherapeutin arbeite, können sie dies fast nicht glauben. In ihrem System gibt es solche klinischen Vorbilder oder Personen, die die beiden Bereiche kombinieren, kaum. Das klare Ziel ist es, möglichst schnell die Karriereleiter hochzugehen und einen Leitungs- oder administrativen Job zu ergattern.4 Und doch haben wir vor Ort tief gespürt, wie wichtig ihnen die Arbeit gerade mit diesen ganz armen Familien ist. Das beeindruckt umso mehr, da viele der Therapeut:innen selbst mit schweren familiären Schicksalsschlägen umgehen müssen und als sehr junge Menschen schon enorm viel Verantwortung tragen.
Und genau hier schlägt die Brücke zurück zu uns in die Schweiz. Was bedeutet das für uns? Wir reisen oft in solche Projekte mit dem Gedanken, unser Wissen weiterzugeben. Doch die Wahrheit ist: Wir erhalten mehr für uns zurück. Die Erfahrungen in Äthiopien zeigen uns, dass weniger oft mehr ist. Sie zwingen uns zu der Frage: Verlieren wir uns in unserem Luxussystem manchmal in der Perfektionierung von Details und bürokratischen Prozessen? Vergessen wir dadurch manchmal das Wesentliche, die Beziehungen, die menschliche Begegnung und das Stärken der familiären Bindung? Wo zieht es uns selbst als Fachpersonen und Therapeut:innen hin, wo liegt unser Herz?
Lokale Forschung in Äthiopien zu Heimübungsprogrammen zeigt zudem, dass starre, rein klinische Übungen den Herausforderungen des oft anspruchsvollen Alltags häufig nicht gerecht werden.5 Stattdessen muss Therapie alltagsnah, lebendig, anpassungsfähig und pragmatisch gestaltet sein. Um eine nachhaltige Teilhabe zu ermöglichen, fordern Fachpersonen heute genau das, was Zentren wie Addis Guzo und die M.O.R.E. School beispielhaft umsetzen: gezieltes Training, den Abbau von Barrieren und eine Infrastruktur, die sich an den tatsächlichen Bedürfnissen der Kinder und ihrer Familien orientiert.2
Die Kreativität und die Herzlichkeit, die wir bei unseren jungen Kolleg*innen in Addis Abeba erleben durften, erinnern an den eigentlichen Kern unserer Arbeit. Sie haben uns gelehrt, bescheidener zu denken, und gezeigt, dass kleine Schritte hin zu einer besseren Lebensqualität nicht von der perfekten Hilfsmittelversorgung abhängen. Entscheidend ist vielmehr, wie viel echte Teilhabe wir mit den vorhandenen Ressourcen ermöglichen und mit welchem Engagement wir unsere Arbeit ausführen. Ein Impuls, den wir mit in unseren Schweizer Therapiealltag nehmen dürfen.

Quellenangaben