Eva Stephan
Schule für Kinder und Jugendliche mit Körper- und Mehrfachbehinderungen, Zürich
Logopädin MAS NDT
Kinder und Jugendliche mit einer komplexen Behinderung benötigen häufig basale und individuell angepasste Förderangebote. Therapeut*innen, Lehrpersonen und Betreuungspersonen orientieren sich dabei oftmals am Entwicklungsalter und wählen entsprechende Inhalte und Methoden. Doch ist eine ausschliessliche Orientierung am Entwicklungsalter tatsächlich gerechtfertigt?
Montag, 10 Uhr. Heute steht „Die kleine Raupe Nimmersatt“ auf dem Programm. Wochentage, Farben, Früchte, Zählen – der Klassiker bietet unzählige Möglichkeiten, grundlegende Kompetenzen zu fördern. Doch die Schüler*innen sind zehn Jahre alt oder älter. Ist die Raupe Nimmersatt für sie tatsächlich noch das geeignete Medium?
Kinder und Jugendliche mit komplexen Behinderungen sind auf Lernformen angewiesen, die ihrem Entwicklungsalter entsprechen. Sie können spielerische, konkrete und sinnliche Lernangebote benötigen, das Lernen über den Körper oder das Hantieren mit Gegenständen. Das ist allerdings nicht mit den Bildungsinhalten gleichzusetzen.1 Obwohl das Entwicklungsalter und die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen mit komplexen Behinderungen denjenigen von Kindern mit unbeeinträchtigter Entwicklung im Alter von 0-24 Monaten entsprechen, dürfen sie nicht mit Säuglingen verglichen werden.1 Sie bringen alle ihre eigenen Lebenserfahrungen mit, die sich auf ihre Persönlichkeit und ihre individuelle Biografie auswirken. Anstatt den Entwicklungsstand von Schüler*innen mit komplexen Behinderungen direkt mit dem Entwicklungsstand regelentwickelter Kinder bis im Alter von 24 Monaten zu vergleichen, spricht man passender von Entwicklungsanalogien.2
Gerade im Jugendalter treten andere Entwicklungsthemen und -aufgaben in den Vordergrund: Die Entwicklung einer eigenen stabilen Identität, selbständige Freizeitgestaltung und die Interaktion mit Peers gewinnen an Wichtigkeit.3 Auch Jugendliche mit komplexen Behinderungen müssen diese Entwicklungsaufgaben bewältigen. Sich in seinem eigenen Körper wohlzufühlen, sich mit der eigenen Identität auseinanderzusetzen, aber auch die Auseinandersetzung mit lebenspraktischen Inhalten (z.B. Selbstversorgung, Mobilität): Für uns Therapeut*innen ist das schon lange Teil des Bobath-Konzeptes und das Kernstück unserer Arbeit. Aber muten wir den Kindern und Jugendlichen auch zu, sich mit komplexeren Bildungsthemen zu befassen, zum Beispiel mit Goethes Erlkönig statt mit sieben kugelrunden Schweinchen?
Die Deutschschweizer Volksschulämterkonferenz hält fest, dass die Kompetenzen laut Lehrplan 21 für alle Schüler*innen– auch jene mit komplexen Behinderungen – verbindlich sind, denn «der Bildungsauftrag wird erfüllt, wenn die verbindlichen Inhalte des Lehrplans 21 berücksichtigt werden und die Schule Gelegenheiten zur persönlichen Auseinandersetzung mit zentralen Themen/Kenntnissen bietet. Bildung bedeutet auch, reich an Lern- und Lebenserfahrungen zu werden…» 4, S.6 Bildungsangebote sollten deshalb neben den individuellen Aneignungs- und Lernvoraussetzungen auch das chronologische Alter, die Lebensphase, die Interessen und die soziale Rolle der Person berücksichtigen. Entwicklungsangemessener Unterricht und altersgemässer Unterricht sind somit nicht als Gegensätze zu verstehen, sondern müssen miteinander verbunden werden. Unsere Aufgabe als Therapeut*innen ist es, die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen, damit Jugendliche sich mit altersentsprechenden Bildungsinhalten auseinandersetzen können. Dazu gehört, Lernkanäle zu finden, die ihren individuellen Möglichkeiten entsprechen, und beispielsweise Ausgangsstellungen zu ermöglichen, die ihnen eine aktive Interaktion in der Gruppe erlauben. Dabei müssen wir unsere eigenen Angebote immer wieder kritisch hinterfragen: Ist das Material, das wir einsetzen, tatsächlich altersgerecht? Und gilt das auch für die Lieder, Geschichten und Spiele, die wir verwenden? Wenn ein Jugendlicher beispielsweise ein eingängiges, rhythmisches Lied benötigt, muss es deshalb ein Kinderlied sein? Oder gibt es ein ebenso zugängliches Lied, das thematisch und kulturell eher der Lebenswelt einer jugendlichen Person entspricht?
Farben, Zahlen, Wochentage: Statt mit der Raupe Nimmersatt könnten wir auch ein altersentsprechendes Material wählen – zum Beispiel ein Buch über verschiedene Fussballvereine, die unterschiedliche Farben haben, die an unterschiedlichen Tagen spielen und eine unterschiedliche Anzahl Tore schiessen. Und jeder Verein bevorzugt eine Frucht, farblich passend zum Wochentag.
Quellenangaben